Reizüberflutung, Konsumzwang und das Gefühl, im Überfluss zu ersticken: Der moderne Mensch steht ganz eigenen Herausforderungen gegenüber, für welche die Evolution noch keine Lösung gefunden zu haben scheint. Die Weisheit liegt deshalb in der freiwilligen Selbstbeschränkung, dem Minimalismus.

Wenn Sie schon über längere Zeit ein Eigenheim bewohnen, werden Sie das kennen: Unabhängig von der Größe des Domizils scheinen die eigenen vier Wände immer enger zu werden. Der Grund dafür liegt in den zahlreichen Dingen, die im Laufe des Lebens ihren Weg zu uns finden.

Ob Bücher oder Wohnaccessoires, die alte Schallplattensammlung oder das Porzellanservice von Erbtante Monika, dessen Design man eigentlich noch nie besonders mochte. Sich von alten Sachen zu trennen, fällt den meisten Menschen schwer. Einfacher scheint es da schon zu sein, das Eigenheim durch neue Errungenschaften zu bereichern, wodurch das Problem immer größer wird.

Befreit aufatmen – Minimalismus als geistige Fastenkur

Materielle Güter können schnell zur Belastung werden, besonders dann, wenn sie ihren ursprünglichen Zweck längst eingebüßt haben. Dies gilt für die Schallplattensammlung, für die vielleicht schon lange gar kein Abspielgerät mehr vorhanden ist, ebenso, wie für das Porzellanservice, das ungenutzt im Schrank steht.

Tatsächlich sind viele Menschen erstaunt, wenn sie damit beginnen, sich von Überflüssigem zu trennen. Der Entschluss zum Minimalismus im Eigenheim setzt nicht selten ungeahnte Kräfte frei und sorgt für erleichtertes Aufatmen.

Auch Kunst und Kultur aller Zeitalter spiegeln den regelmäßig aufkommenden Wunsch der Menschen nach einfacher Klarheit wider. Dabei zeigt sich, dass minimalistische Tendenzen stets einem Zeitalter der Übersättigung folgen.

Dies galt bereits für die dem Barock folgende Klassik, deren Formenstrenge in Musik, Baukunst und Literatur von den Zeitgenossen als wohltuend empfunden wurde. Kein Wunder, fühlten sie sich doch vom in jeder Hinsicht ausufernden Barockzeitalter satt und hatten Sehnsucht nach einer geistigen Fastenkur.

Vom Bauhausstil bis zu van der Rohe – was versteht man unter Minimalismus?

In der Moderne war es zuerst Walter Gropius, der als Begründer der Bauhaus Kunstschule die Befreiung von übertriebener Ornamentik suchte. Den Hintergrund dieser Sehnsucht nach Klarheit bildete das Industriezeitalter, dessen rasante Entwicklung Sehnsucht nach Orientierung hervorrief.

Einfache und zweckmäßige Formen begannen, sich durchzusetzen. Diese starke Reduktion beeindruckte durch ihre geometrische Formenreinheit und wirkte stilbildend für die folgenden Generationen, die mit Protagonisten wie Ludwig Mies van der Rohe oder Luis Ramiro Barragán Morfín dem Minimalismus endgültig zum Durchbruch verhalfen.

Die Formel »Weniger ist mehr«, die auf van der Rohe zurückgeht, ist die bis heute wohl treffsicherste Beschreibung der minimalistischen Philosophie. Die Ästhetik liegt in der Funktion selbst. Kann man nichts mehr weglassen, ist das minimalistische Design vollendet.

Auch heute entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, ihr Leben nach minimalistischen Prinzipien auszurichten. Zu dieser Entwicklung trugen nicht nur künstlerische Strömungen bei, sondern auch ein wachsendes Umweltbewusstsein, das im schrankenlosen Konsum eine der Ursachen für die langfristige Zerstörung der Lebensgrundlagen erkennt.

Warum ist weniger mehr?

Ruhe, Klarheit und ein reines Gewissen sind drei gute Gründe dafür, dem Minimalismus im Eigenheim die Tür zu öffnen. Das Prinzip »Weniger ist mehr« lässt sich auf die Gegenstände des täglichen Lebens ebenso anwenden wie auf das Mobiliar, das im Minimalismus schlicht, zweckmäßig und puristisch gehalten ist.

Jeder Gegenstand ist kostbar und erfährt an seinem festen Platz die ihm gebührende Wertschätzung. Dass durch die freiwillige Selbstbeschränkung finanzielle Ressourcen frei werden, die es möglich machen, auf besonders edle Materialien und ein umwerfendes Design zu setzen, liegt auf der Hand. Tatsächlich fühlen sich sensible Naturen von einer vollgestopften Umgebung eher bedrängt.

Das Aufräumen wird zum täglichen Kampf, das Staubwischen zur echten Herausforderung. Wer sich für ein minimalistisches Eigenheim entscheidet, macht sich das Leben in jeder Hinsicht leichter und erfährt einen bedeutenden Zuwachs an Lebensqualität.

Minimalistische Trends – von Simplify your Life bis zum Carsharing

»Simplify your Life!«, rief eine bekannte Buchreihe um die Jahrtausendwende der Öffentlichkeit zu. Der Erfolg war überwältigend: Über eine Million Leser nutzten diesen Impuls, um ihr Leben einfacher, klarer und kraftvoller zu gestalten.

Der neue Minimalismus griff schnell auf alle Lebensbereiche über und veranlasste Menschen, nicht nur ihr Eigenheim zu entrümpeln, sondern auch ihr Arbeitsleben neu zu ordnen und sich aus destruktiven Beziehungen zu lösen.

Auch Trends wie das Car- und das Bikesharing entspringen dem Minimalismus, der auf bewusste Selbstbeschränkung setzt. In die Mode hielten minimalistische Strömungen durch den Style von Jil Sander Einzug. Inzwischen haben fast alle Labels das Prinzip der zeitlosen Einfachheit in ihre Kollektionen integriert.

Minimalismus im Eigenheim – ausgesuchtes Mobiliar aus edlen Materialien

Wer sich für einen minimalistischen Einrichtungsstil entscheidet, benötigt nur wenig Mobiliar. Ausgesuchte Designerstücke von erlesener Qualität treten an die Stelle überflüssiger Beliebigkeit.

Dies gilt auch für Wohnaccessoires: Nur was einem konkreten Zweck dient, genügt den Anforderungen eines Minimalisten. Einfache, oft geometrische Formen, gekonnt kombiniert und durch ein edles Beleuchtungskonzept in Szene gesetzt, erschaffen eine Atmosphäre fokussierter Klarheit.

Auch farblich setzt der Minimalismus auf eine gewollte Reduktion. Edle Grautöne, Schwarz und Weiß sowie Naturholz bilden eine puristische Klaviatur schöner Grundtöne, die optional gezielt durch vereinzelt gesetzte farbige Akzente durchbrochen werden kann.

Dass zu viel Hausrat in dieser Atmosphäre deplatziert wirkt, liegt auf der Hand. Echte Minimalisten entscheiden sich deshalb für ein gründliches Stöbern, ehe sie ihr neues Wohnkonzept entwerfen.

Auch die moderne Technik trägt nach und nach zur wohltuenden Reduktion bei. Umfangreiche Video- und CD-Sammlungen weichen durchdachten Entertainmentkonzepten, leistungsstarke E-Book-Reader ersetzen ganze Bücherregale.

In jedem Fall ist es empfehlenswert, vor der Anschaffung neuer Möbel den Platzbedarf des verbleibenden Hausrats zu berechnen, um genügend Stauraum für optisch störenden Überfluss zu schaffen.

Sechs Tipps zur Umsetzung von Minimalismus im Eigenheim

  1. Der Einstieg in eine minimalistische Lebensweise sollte mit einem gründlichen Stöbern beginnen. Hierbei lohnt es sich, alles auszusortieren, was schon lange nicht mehr benutzt wurde.
  2. Ein einfacher Fußboden aus Echtholzdielen oder geschliffenem Sichtbeton sowie wenige ausgesuchte Designerteppiche passen gut zu einem minimalistischen Stil.
  3. Die Auswahl der Möbel erfolgt nach dem Prinzip »Weniger ist mehr«. Das Mobiliar sollte eine ästhetische und funktionale Einheit bilden und einen hohen Wohnkomfort bieten.
  4. Passende Wohntextilien sind am besten einfarbig gehalten, aus erlesenen Materialien gefertigt und beschränken sich auf das funktional Notwendige.
  5. Wohnaccessoires und Geschirr sollten von exquisiter Qualität sein und durch ihr schlichtes, attraktives Design für sich selbst sprechen.
  6. Zur stilvollen Beleuchtung stehen minimalistische Leuchten in vielen Ausführungen zur Verfügung. Zu einer guten Atmosphäre trägt außerdem indirekte Beleuchtung bei, die sich mittels moderner LED-Streifen problemlos bewerkstelligen lässt.

Minimalismus ist ein Lebensstil, der Leichtigkeit und Ruhe mit sich bringt. Wer sich dafür entscheidet, die äußeren Belastungen auf diese Weise zu reduzieren, findet Zeit und Muße für das Wesentliche, ohne deshalb auf Gemütlichkeit und Komfort verzichten zu müssen.

Spielen auch Sie mit dem Gedanken, auf Minimalismus zu setzen und Ihr Eigenheim in eine Oase der Klarheit zu verwandeln? Oder haben Sie bereits eigene Erfahrungen mit einem minimalistischen Lebensstil gemacht? Dann freuen wir uns auf Ihren Kommentar zum Thema.

Bildquelle: Bench Accounting | unsplash.com

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