Einst galt: Ein Hausbau ohne Richtfest bringt Unglück. Auch heute wird dieser Brauch daher vielfach fortgesetzt. Ein nettes Ereignis, das nicht selten einige Bestandteile umfasst, die dort seit Jahrhunderten ihren festen Platz haben. Doch wirkt das alles überhaupt noch zeitgemäß? Und falls ja, worauf ist bei der Planung eines Richtfestes genau zu achten?

Der Aufbau eines Hauses nimmt meist viel Zeit in Anspruch. Sicherlich, ein Gebäude aus Fertigteilen lässt sich in der Regel innerhalb weniger Tage zusammensetzen. Traditionelle Bauformen hingegen erfordern nicht selten mehrere Monate, ehe die Immobilie bezugsfertig ist.

Das schichtweise Auftürmen der Steine, das Aushärten des Zements, das maßgefertigte Einsetzen der Dachbalken – ein Prozess, der neben der Geduld ein hohes Maß an Einsatz und Kraft beansprucht. Umso schöner ist es, wenn sich erste sichtbare Fortschritte zeigen. Das Fertigstellen des Rohbaus und das Errichten der Dachkonstruktion stellen in diesem Verlauf einen Meilenstein dar, den es zu feiern gilt.

Ein Richtfest – was ist das eigentlich?

Genau zu diesem Zeitpunkt findet das Richtfest statt. Die Baustelle wird für diesen Moment fein herausgeputzt, der Dachfirst ist mit einem Richtkranz versehen.

Eingeladen sind eigentlich alle Personen, die den bisherigen Bauprozess begleitet haben. Neben den Eigentümern des Hauses und deren Familie können das etwa der Architekt, die Maurer und Zimmermänner oder auch jene helfenden Hände sein, die die Baugrube für den Keller ausgehoben haben.

Kurzum, unterschiedliche Gewerke treffen sich bei einem geselligen Zusammensein, bei dem oft deftige Hausmannskost gereicht und durchaus Hochprozentiges genossen wird. Mit diesem Fest soll den Arbeitern ein kräftiger Dank für ihre bisherige Leistung ausgesprochen werden.

Von langer Tradition begleitet

Das Richtfest, dessen Ursprung in das 14. Jahrhundert und somit weit in das Mittelalter hineinreicht, ist aber auch von einem weiteren Zweck geprägt. In der von einem starken Aberglauben gezeichneten Epoche verließ sich der Bauherr nicht alleine auf das Glück. Er wollte sein Haus von bösen Mächten befreien. Entsprechend war mit dem Richtspruch die Erteilung des Segens für das Gebäude verbunden.

Oft wurde das Fest daher um einen gemeinsamen Besuch in der Kirche ergänzt, den alle Teilnehmer der Zeremonie gemeinsam zu absolvieren hatten. Erst dadurch ließ sich die Immobilie vor allem Unheil schützen.

Ein dritter Zweck wurde darin gesehen, das im Aufbau befindliche Haus von bestehenden Schulden zu befreien. Damit reifte das Richtfest zu einer teuren Angelegenheit für seine Eigentümer. Denn an diesem Tage wurden das bisher verwendete Material und die Arbeitsleistungen finanziell beglichen. Steuern und Zinsen an die Obrigkeit konnten ebenfalls fällig sein.

Statt des heute bekannten Trinkgeldes wurde ein umfangreiches Gelage für alle beteiligten Personen abgehalten. Der Vorteil für die Bauherren lag darin, dass das Gebäude zumindest für den Moment schuldenfrei war – und somit in naher Zukunft bewohnt werden durfte, ohne dass ein Gläubiger auf einen Teil des Hauses einen Anspruch hätte geltend machen können.

Ist das Richtfest eigentlich noch zeitgemäß?

Natürlich stellt sich bei einer Zeremonie, die mit derart viel Tradition und Aberglauben verbunden ist, die Frage nach ihrem Gebrauch in Gegenwart und Zukunft. Viele der mit dem Fest verbundenen Anliegen gehören längst der Vergangenheit an. Das Baugewerbe ist dem Wandel der Zeit unterlegen, das Errichten neuer Gebäude wird nicht selten in Rekordgeschwindigkeit absolviert.

Wo heute noch ein tristes und mit Büschen und Bäumen bepflanztes Stück Land leer steht, können bereits in wenigen Tagen die Eigentümer ihr Haus beziehen. Welchen Stellenwert nimmt das Richtfest in der Moderne also noch ein?

Auch und gerade aus den vorgenannten Zweifeln ergibt sich ein Grund, der für das Abhalten der Feier spricht: Oft stellt sie die einzige Gelegenheit dar, um alle am Bau beteiligten Personen einmal zu vereinen. Denn meist weiß der Architekt nicht, wer die Kellergrube aushebt – ebenso wenig wird der Maurer den Zimmermann persönlich kennen.

Die von ihnen errichtete Immobilie ist aber mehr als eine reine Unterkunft für ihre Eigentümer. Sie ist das Ergebnis eines Zusammenwirkens unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Gewerken.

Erst das Zusammenfließen allen praktischen Könnens und allen theoretischen Wissens von dutzenden Personen führt dazu, dass in diesem Gebäude vielleicht einmal eine Familie ihr Glück findet. Dafür darf gerne ein Dank ausgesprochen werden.

Wie verläuft ein Richtfest genau?

Gehört der gemeinsame Kirchenbesuch heute tatsächlich der Vergangenheit an, so hat sich die Tradition des Richtfestes über die Jahrhunderte doch wenig verändert. Den Beginn der Zeremonie stellt das Anhängen eines Richtkranzes am Dachfirst dar. Ebenso kann jedoch ein Richtbaum an jener Position im Dachstuhl platziert werden.

Begleitet wird dieses Element durch einen Richtspruch, den ein Zimmermann oder der Leiter der Baustelle ausspricht. Mit ihm ist der Dank an die Arbeiter verbunden. Segens- und Glückwünsche für das Gebäude sind gleichfalls enthalten – denn seine Zukunft soll möglichst positiv ausfallen.

Übrigens wird beim Richtspruch bereits Hochprozentiges gereicht. Zumindest der Redner darf ein Glas Wein oder Schnaps leeren – das Glas selbst wirft er anschließend zu Boden. Zerbricht es in viele Scherben, sind damit Glückseligkeit und Frieden für das Haus verbunden. Bleibt es heil, droht dagegen langes Ungemach.

Zugleich kommt dem Bauherrn nun die Aufgabe zu, den letzten Nagel in den Dachstuhl zu schlagen. Begleitet wird das Spektakel durch kleine und meist harmlose Streiche der Zimmermänner. Anschließend gilt es, sich an den reich gedeckten Tisch mit allen seinen Speisen und Getränken zu setzen – und dort gemeinsam Spaß zu haben.

Wer wird zum Richtfest eingeladen?

Grundsätzlich gilt, dass die Feier für alle Personen ausgerichtet wird, die direkt am Bau des Hauses beteiligt sind. Das können die Handwerker aus unterschiedlichen Gewerken sein, die vom Auszubildenden bis zum Meister eines jeden Betriebes natürlich auf der Gästeliste stehen. Ebenso ergeht eine Einladung aber an den Architekten und den Statiker, die mit ihren Berechnungen erst die Basis für das neue Gebäude erschaffen haben.

In kleinen Orten ist es zudem üblich, auch die zuständigen Sachbearbeiter von der Baubehörde oder den Bürgermeister einzuplanen – wobei dieser Brauch beim Hausbau zunehmend in Vergessenheit gerät und nur noch in kleinen Kommunen und Dörfern stattfindet.

Aus dem persönlichen Umfeld des Bauherrn kommen meist Familienmitglieder, enge Verwandte und gute Freunde. Personen also, die an dem Aufbau des Hauses in der Regel nicht beteiligt waren. Gleiches gilt für die Nachbarn. Auch mit ihnen wird auf eine glückliche Zukunft angestoßen – ebenso aber ein Dank dafür ausgesprochen, dass sie den über Wochen und Monate anhaltenden Baulärm und manche Beeinträchtigung der Straßen und Wege klaglos über sich ergehen ließen.

Übrigens sind es gemäß der Tradition gerade die kleinen Mädchen und jungen Damen aus der Nachbarschaft, die den zünftigen Richtkranz aus Blumen, Zweigen und bunten Bändern basteln.

Darauf ist beim Organisieren des Richtfests zu achten

Die Zeremonie ist eng mit den letzten Arbeiten am Dachstuhl verbunden. Möglichst früh sollte durch den Architekten daher ein Termin für diesen Zeitpunkt erfragt werden. Erst dadurch ist es oft möglich, auch solche Personen zu dem Richtfest einzuladen, die ihre Arbeiten auf der Baustelle längst abgeschlossen haben und die nun vielleicht an einem anderen Ort ein Gebäude errichten.

Je nach Jahreszeit und Witterungsbedingungen kann die Planung etwa zwei bis drei Wochen vor dem Stichtag beginnen. Da das Dach in der Regel noch nicht geschlossen wurde, sollte das Zusammensitzen gerade bei Wind und Wetter in einem geschützten Event-Zelt stattfinden.

Wer ein Richtfest organisieren möchte, zeigt sich beim Zusammenstellen der Gästeliste eher großzügig. Keine Person, die in irgendeiner Weise am Bau des Hauses beteiligt war, darf hierbei fehlen.

Entsprechend der Zahl der Eingeladenen wird das Buffet geplant. Neben diversen kalten sollte es auch über einige warme Speisen, wie etwa gekochte Würste oder gebratenes Fleisch, verfügen. Lohnenswert ist es, dergleichen über einen Cateringservice zu bestellen, der zudem die Getränkeversorgung übernimmt.

Gefordert wird kein umfangreiches Festmahl. Aber doch genügend Vorrat, um ein gemütliches Richtfest gemeinsam zu feiern und es dabei an nichts fehlen zu lassen.

Was schenkt man zum Richtfest?

Aber nicht alleine für den Bauherrn soll die Feier ein erinnerungswürdiges Ereignis sein. Auch die Gäste wollen sich hier wohlfühlen. Doch für sie stellt sich ab Erhalt der Einladung oft die Frage: Was schenkt man zum Richtfest denn eigentlich?

Hier wäre zunächst zu überlegen, ob sich der Gast nicht an der Ausgestaltung der Feier beteiligt, er also mit Speisen und Getränken oder sogar mit der gesamten Organisation bereits den Hauseigentümern tatkräftig hilft. Denn für sie kann die Planung neben allem schon vorhandenen Stress eine zusätzliche Last bedeuten. Sinnvoll ist das vor allem auch deshalb, weil das Richtfest nicht zwingend mit dem Überreichen von Geschenken verbunden ist.

Zwar wurden traditionell Brot und Salz übergeben. Auch das Mitbringen eines Hufeisens gehörte zum Brauchtum – hängend über der Tür sollte es Glück bringen. Solche althergebrachten Präsente gehören aber zumeist der Vergangenheit an.

Eine gute Flasche Wein dagegen ist wohl stets gerne gesehen. Sogar ein schönes Bild für das Wohnzimmer stellt eine nette Geste dar.

Allzu teure Geschenke, die sich etwa an der Ausgestaltung des Hausrates beteiligen, sollten jedoch unterbleiben. Auch Geld oder sachfremde Gaben, wie etwa Konzertkarten, sind gut gemeint, wirken aber deplatziert.

Wer etwas überreichen möchte, sucht daher etwas Symbolisches aus, das in den Rahmen des traditionellen Richtfestes passt – und das gleichzeitig etwas Zukunftsweisendes beinhaltet.

Bildquelle: sreitzig | Pixabay

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